Text und Fotos: Sibille Burkhardt, Reisezeit: Sommer 2026
Mit meinen 65 Jahren gelte ich für das Interrail System schon seit fünf Jahren als Seniorin. Dann ist es an der Zeit, es endlich einmal auszuprobieren. In meinem Reiseleben fehle mir bisher ein wichtiger Abschnitt, den viele meiner Altersgenossen schon in der Studienzeit genossen haben: Eine Reise mit Interrail durch Europa. Bei der Einführung der Interrail Pässe gab es das Angebot nur für junge Menschen bis 21 Jahren. Die Altersgrenze wurde bereits 1999 aufgegeben und gleichzeitig ein etwa um zehn Prozent günstigerer Tarif für Senioren eingeführt.

In der Altstadt von Vilnius
Zuerst einmal muss ich mich durch einen Dschungel von Optionen arbeiten. Will ich lieber nur einige Reisetage in einem Zeitraum von einem oder zwei Monaten buchen? Oder doch lieber einen, zwei oder drei Monate unlimited durch Europa reisen? Ich entschied mich für zehn Reisetage innerhalb von zwei Monaten. Den Pass buchte ich bereits im März, da gab es nämlich ein Sonderangebot mit 30 Prozent Reduzierung. So kosteten mich die zehn Reisetage circa 340 Euro.
Ich möchte das Baltikum zum Schwerpunkt der Reise machen. Um nicht gleich mehrere Reisetage allein für die Anreise zu verbrauchen, fliege ich mit einer Billigairline für kleines Geld nach Vilnius.
Die Stadt begeistert mich von Anfang an. Eine schöne kleine Altstadt, die man fußläufig erschließen kann, hübsche Cafés und Restaurants, genug Kultur und Geschichte, um sich einige Tage zu beschäftigen. Bei einer free walking tour bekomme ich noch tiefere Einblicke in die wechselvolle Geschichte der Stadt und des Landes Litauen allgemein. Sie führt auch in die freie Republik Užupis, die innerhalb des Stadtgebietes liegt und 1997 ihre Unabhängigkeit erklärte, und zwar am 1. April. Noch heute tagt das »Bar«lament in einer Kneipe gleich hinter der Brücke, die zur Republik führt. Der Souvenir-Laden dient als Grenzstation und verteilt Einreisestempel.

Noch eine Altstadtszene in Vilnius

Das „Bar“lament von Užupis
Ein Stück weiter in einem Park steht eine Statue von Frank Zappa, die einzige weltweit. Warum ausgerechnet in Vilnius, weiß niemand mehr. Die Stimmung in der Stadt ist entspannt und jeder, inklusive der Führerin Mava, ist gleichermaßen nett. Dass das allerdings nicht überall im Baltikum gilt, das betont Mava auch. Je weiter nach Norden, desto reservierter würden die Menschen. Litauen dagegen sei das glücklichste Land im Baltikum, betont sie ganz patriotisch.

Frank Zappa-Statue
Mein erster Zug-Reisetag soll gleich weiter in das nächste Land gehen, nach Lettland. Die Buchung des Zugtickets über die App auf dem Handy ist – so schein es – unkompliziert. Allerdings lerne ich auch schnell die Tücken des Interrail-Systems kennen. Viele Züge kann man nur buchen, wenn man auch eine Sitzplatzreservierung hat. In vielen Ländern kann man das gleich innerhalb der App erledigen. Nicht so im Baltikum. Hier bekommt man die Mitteilung, dass man die Reservierung am Bahnhof oder online erledigen soll. Das versuche ich dann auch, verliere mich aber ziemlich schnell in einem schwer zu durchschauenden Buchungssystem. Also auf zum Bahnhof. Die Angestellte dort ist leider nicht so zugänglich, wie Mava es versprochen hat. Sie verweist mich auf das Online-Buchungssystem, was ich leider immer noch nicht verstehe. Eine nettere Angestellte hilft mir und weist mich in die Untiefen der Buchungen ein. Zack, wieder acht Euro weg. Zugverbindungen ohne Reservierungspflicht gibt es leider nicht. Ein erster Dämpfer.

Zug nach Riga

»Pink Soup Train«
Die Fahrt nach Riga, die ich mir viel länger vorgestellt habe, dauert nur vier Stunden. Der Zug ist komfortabel in einer Art, die man von deutschen Zügen kaum kennt. Großzügige Sitze, alles super sauber und unterwegs kommt in regelmäßigen Abständen eine Zugbegleiterin vorbei, die Menükarten verteilt und die bestellten Speisen und Getränke (zu sehr vernünftigen Preisen) an den Sitzplatz bringt. Ein Wagon des Zuges ist sehr eigenwillig eingerichtet. Von Mai bis August fährt ab Vilnius der »Pink Soup Train«, der das litauische Nationalgericht feiert, eine kalte Suppe mit Roter Beete. Natürlich sind die wenigen Touristen alle in diesem Wagen versammelt und machen Selfies.
Riga ist nach dem beschaulichen Vilnius ein kleiner Kulturschock. Big city, mit breiten Straßen, hohen Häusern und viel Verkehr. Das historische Zentrum am Fluss Düna gelegen ist zwar überschaubar, aber ansonsten muss man schon gut zu Fuß sein, wenn man die Highlights der Stadt in wenigen Tagen erkunden will. Den besten Überblick über die Stadt kann man sich vom elften Stock der modernen Nationalbibliothek verschaffen. Riga hat noch ein großes architektonisches Erbe aus der Jugendstilzeit, etwa ein Drittel der Gebäude ist zwischen 1904 und 1914 entstanden, eine Zeit mit rasantem Wirtschaftswachstum. Im Jugendstilmuseum kann man sich herrlich in diese Zeit versetzen lassen. Als Hansestadt war Riga über mehrere Jahrhunderte eine reiche Handelsmetropole und Menschen aller Nationen ließen sich nieder. Aber auch hier hat die wechselvolle Geschichte ihre Spuren hinterlassen vor allem in der Form von Stadtvierteln mit Plattenbauten aus der Sowjetzeit.

Ankunft in Riga

Schwarzhäupterhaus in Riga

Das berühmte Treppenhaus im Jugendstilmuseum Riga

Die Nationalbibliothek in Riga

Der beste Blick auf Riga vom 11. Stock der Nationalbibliothek
Nach drei Tagen geht es weiter ins nächste Land, nach Tallin in Estland. Wieder eine wunderbar entspannte Reise von sechs Stunden. Im unscheinbaren Ort Valga muss man in einen anderen Zug einsteigen, da Estland eine andere Spurbreite hat als Lettland. Das ist kein Problem, der Zug steht schon am Bahnsteig bereit. Wieder erlebe ich freundliche Menschen im Zug, die gerne über ihr Land reden und eine Stadt, in der ich das gleiche erlebe. Die Altstadt ist ein Wohlfühlort mit wenig Verkehr, schmucken kleinen Geschäften und einer Markthalle, die ihresgleichen sucht. Auch hier lasse ich mich bei einer free walking tour in die Geschichte von Stadt und Land einweihen, die Gegenwart entdecke ich beim gemütlichen Bummeln.

Umsteigen an der Grenze zu Estland

In der Altstadt von Tallin

Blick auf die Altstadt von Tallin

In der Markthalle von Tallin
Dann will ich weiter nach Helsinki. Das Ticket für die Fähre ist nicht im Interrail Pass inbegriffen, man erhält aber bei der Online-Buchung einen Rabatt von 20 Prozent. Dafür muss man noch nicht mal einen der kostbaren Fahrtage hergeben. Helsinki kannte ich von einem früheren Besuch, also hielt ich mich dort nicht lange auf. Ich will weiter bis nach Rovaniemi. Auch ist die Distanz kürzer als ich dachte.

Fähre nach Helsinki
Acht Stunden dauert die Fahrt bis an den Polarkreis. Ich gönne mir für den Zug ein Upgrade und zahlte circa 20 Euro für einen Platz im oberen Stock eines Panoramazugs. Die Sitze lassen sich drehen, so dass man wie bei einem Schaufensterbummel die Landschaft bewundern kann, die an einem vorbeizieht. Die ist nicht sonderlich spektakulär, Felder, kleine Dörfer und Birkenwälder wechseln sich ab. Die Landschaft ist flach, ab und zu führt die Strecke an einem See entlang.
In Rovaniemi selbst ist im Sommer nicht viel zu erleben. Die Stadt ist zweckmäßig gebaut, teuer und insgesamt etwas spröde. Am Lordi-Platz (ja, das sind die Jungs, die mal den ESC gewonnen haben) kann man Merch der Band kaufen oder gleich in einem riesigen Kaufhaus verschwinden. Im Winter bestimmt ganz angenehm, um mal aus der Kälter herauszukommen. Jetzt im Sommer ist die Stadt kaum bevölkert. Es gibt ein ausgezeichnetes Arktis-Museum und einige schöne Wanderwege in den Wäldern und zu Seen. Drei Tage schaue ich mich um und fahre natürlich auch mit dem Bus ins Weihnachtsmanndorf, in dem aber im Sommer überwiegend die Wintersaison vorbereitet wird und einige chinesische Touristen Christbaumschmuck kaufen. Ich verbringe ein paar entspannte Ruhetage im gemieteten Apartment mit eigener Sauna.

Panoramazug nach Rovaniemi

Das Arktikum in Rovaniemi
Die Weiterfahrt soll dann allerdings nicht so klappen, wie es mir vorgestellt habe. Ich möchte von Rovaniemi in Finnland weiter nach Boden in Schweden und von dort mit dem Nachtzug nach Stockholm. Leider fährt zu der Zeit weder ein Bus noch ein Zug nach Boden. Hier zeige sich dann ein Vorteil von Interrail: ich kann das gebuchte Zugticket einfach in der App stornieren und habe somit keinen Verlust. Nur die Reservierungsgebühr, die natürlich für den Nachtzug anfällt, kann ich vergessen.

Im Weihnachtsdorf

Am Polarkreis
Interrail erlaubt sehr spontanes Reisen und so machte ich mich – mit Zwischenstopps – auf den Weg zurück durch das Baltikum. Weiter geht es nach Warschau und Krakau, wo ich noch mal einige Tage verbringe. Im Rahmen einer organisierten Tagestour besuche ich auch das ehemalige KZ Auschwitz, der Hauptgrund, warum ich via Krakau Richtung Deutschland fahre. Über Linz in Österreich geht es wieder zurück nach Deutschland.
Während auf der gesamten Reise alle Züge pünktlich waren, war die erste Nachricht beim Umsteigen in München: »Der Zug fällt aus!« Willkommen zuhause.

Gedenkstätte des ehemaliges Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz

Das Kunstmuseum in Linz
Mein Fazit:
Interrail ist eine großartige Möglichkeit zu reisen. Ein paar Fails habe ich mir allerdings erlaubt. So habe ich vom Baltikum – außer den großen Städten – nur wenig gesehen, weil ich die kostbaren zehn Fahrtage für die langen Strecken aufsparte. Nur um dann festzustellen, dass es auf einigen dieser Strecken sogar günstiger gewesen wäre, ein normales Zugticket vor Ort zu kaufen. Die Buchung in der App funktioniert einfach und man kann spontan jede gebuchte Reise bis zum Vortag kostenfrei stornieren.
Für viele Zugverbindungen muss man extra Reservierungsgebühren zahlen. Ohne Sitzplatzreservierung wird man nicht mitgenommen. Kontrolliert wurde das auf meiner Reise allerdings nur einmal. Die Kosten für die Reservierungen betragen in der Regel 6 bis 8 Euro, können aber in manchen Ländern (vor allem Italien und Frankreich) auch schon mal bis auf über 30 Euro auflaufen. Bei einer Stornierung bekommt man diese Gebühren nicht zurück. Man kann in der App aber auch gezielt nach Verbindungen ohne Reservierungsplicht suchen.
Insgesamt 33 Länder stehen für die Reisen zur Verfügung. Grund genug, im nächsten Jahr noch eine Interrail Reise zu planen. Dann allerdings mit einem Monatsticket, so dass ich auch mal kürzere Strecken fahren und Zwischenstopps einlegen kann.
Die Interrail Pässe kann man am besten dann buchen, wenn es Sonderangebote gibt. Man hat nach dem Kauf elf Monate Zeit, den Pass zu aktivieren, erst ab da läuft die Gültigkeit von einem, zwei oder drei Monaten, je nach Pass.
Die nächste Sonderrabattaktion ist voraussichtlich im November (Black Friday), aber auch im Frühjahr gibt es Aktionen, zu denen die Pässe 20 bis 30 Prozent günstiger sind als normal.
![DerTrotter - NextLevel TravelMagazine [dzg]](https://dertrotter.de/wp-content/uploads/2025/10/smallDerTrotterWeb.webp)
![DerTrotter - NextLevel TravelMagazine [dzg]](https://dertrotter.de/wp-content/uploads/2025/10/DerTrotter-Web-Header-Logo.png)
