Stillgelegte Eisenbahnnetze, Chaco, Mennoniten und Leichtathletik im Herzen Südamerikas
Text und Bilder: Gerhard Wenzke, Reisezeit: März / April 2025
Themen für Paraguay im Frühjahr 2025 sind: Eisenbahn, deutsche Mennoniten im Chaco, Chaco-Region sowie mein Hobby Hochsprung als sozialer Anknüpfungspunkt. Wir sind zu dritt am Start, mit dabei Margret, die mich auf einer Zaire-Durchquerung begleitet hatte und die Brasilianerin Cristina, deren Portugiesisch immer wieder hilft, unsere Spanisch-Defizite abzumildern.
Der vergessene Bahnhof »Botanischer Garten«
Ziel meiner Eisenbahn-Leidenschaft als Nachfahre von drei Eisenbahner-Generationen ist der stillgelegte Bahnhof am botanischen Garten »Jardín Botánico« im Norden der Hauptstadt Asunción. Eröffnung 1861. Unser Versuch im April 2025, diesen zu finden, scheitert zunächst wegen mangelnder Handynetz-Abdeckung im Außenbereich Asuncións. Durch unseren Bolt-Fahrer (Bolt, ein weltweit operierendes Mobilitätsunternehmen und Konkurrent zu Uber, in Deutschland noch relativ wenig verbreitet, Anm. d. Red.) lernen die Umgebung gründlicher kennen als geplant. Endlich gefunden. Eine versteckte engere Zufahrt ohne Hinweisschilder. Ein Holzhäuschen, eine ältere Dame. Mit unserem Portugiesisch können wir leider keine sinnvolle Verständigung herbeiführen. Höfliche Gesten, ich drücke der Lady einen nicht erbetenen Geldschein in die Hand. Einfach so. Und wir gehen hinein in das Halbdunkel mächtiger Baumkronen.

Karte des südöstlichen und zentralen Teils Paraguays
1999 wurde der Bahnverkehr hier und in ganz Paraguay eingestellt. Vor Jahren war ich schon einmal hier. Damals mit einem Taxifahrer, der das Gebiet kannte. War sonntags geschlossen und es war so etwas wie ein Museumseintritt zu bezahlen. Ich war natürlich sonntags hingefahren. Diesmal ist niemand mehr da, die Anwesenheit der Lady eher zufällig. Vielleicht zahlt die Regierung kein Geld mehr. Damit ist dieser Ort dem Untergang preisgegeben. Ein Gleis, ein Zug darauf, ein Bahnhofsgebäude. Der Verfall im fortgeschrittenen Zustand hat etwas Spektakuläres, Dramatik im Post-Zivilisations-Style. Irgendwie eindrucksvoller, als wenn alles sorgfältig gepflegt wäre.
Das Gleis löst sich nach 70 Metern in Luft auf, der Asphalt einer Teerstraße verschluckt das Gleis. Stille, keine weiteren Besucher. Ein Personenzug mit Holzwaggons in allen schon fortgeschritteneren Verrottungsstadien. Kurz will sich mir die Frage aufdrängen »Warum macht hier keiner was?« Ich lasse es bewusst, klettere den brüchigen, stirnseitigen und außenliegenden Waggonaufstieg hinauf und mache ein Foto vom Innern, viel sieht man nicht, das Glas ist trübe, die Tür ins Innere verschlossen. An die 200 Fotos ist mir die Dokumentation der Stätte wert. Ein vergessener Ort der Vergänglichkeit. Er hinterlässt melancholische Tristesse.

Der vergessene Bahnhof »Botanischer Garten« in Asunción

Wagons am vergessenen Bahnhof »Botanischer Garten«
Heute werden noch 1,7 Kilometer Eisenbahn im Süden Paraguays befahren. Von Encarnación bis zur Grenze nach Argentinien, bei der Brücke über den Río Paraná. Interessierte besuchen aber eher neben dem gut gepflegten Museumsbahnhof in Asunción die ehemalige Reparaturwerkstätte in Sapucaí.
Die schnellsten Paraguayerinnen aller Zeiten
Ich überlege mir vorher, wie wir es schaffen, einen intensiveren Kontakt zu Personen in Paraguay zu bekommen. Da ich seit Urzeiten Hochsprung betreibe, sollte Sport diese Rolle spielen. Wir haben allerdings mehr Glück als Verstand. Beim ersten Versuch in Asunción, im Leichtathletik-Stadion mitzutrainieren, werde ich wegen einer deutschen Aufschrift auf dem T-Shirt von einer jungen Dame auf Deutsch angesprochen. Welche Überraschung! Xenia Hiebert stellte sich als eine Nachkommin deutscher mennonitischer Einwanderer in den Chaco vor, welche eine Dornbuschsavanne im Westen Paraguays ist. Sie ist eine Sprinterin mit Landesrekorden. Ich gewann 2018 bei der Senioren-Weltmeisterschaft In Malaga den Hochsprung in der Ü70-Kategorie, so haben wir gleich gemeinsame Themen über Sport und Training.
Im Chaco aufgewachsen, lernte sie Spanisch erst als zweite Sprache, denn sie war mit Deutsch aufgewachsen. Das unwirtliche Chaco ist ein Zentrum deutschstämmiger mennonitischer Einwanderer. Xenias Vater erzählt mir hernach in Loma Plata, dass sein Großvater 1926 aus Kanada ausgereist sei und über Buenos Aires bis nach Puerto Casado gelangt ist, wo alle wegen der Vermessung im künftigen Siedlungsgebiet warten mussten. Das Warten kostete den Einwanderern viele Typhus-Tote. Am 15. Juni 2027 werden sie in Loma Plata das 100-jährige Ankunftsjubiläum groß feiern.
Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 traf Xenia im 100-Meter-Vorlauf auf die Deutsche Rebekka Haase, das heißt, im Callroom konnte sie mit ihr einige Worte wechseln, in ihrer Muttersprache! Xenias Idol ist Gina Lückenkemper, die deutsche Spitzensprinterin, von der sie alles weiß, bis zur verwendeten Zahnpasta, und der sie auf den sozialen Medien auf Schritt und Tritt folgt. Man stelle sich das vor, welche Bedeutung die eigene, weit entfernte Herkunft für Ausgewanderte hat und welche Kräfte das freimachen kann.
Bei Kontakten zur Bevölkerung kann die Sprache schon eine Barriere der Verständigung darstellen. Wir lernen im Stadionrund auch noch Siebenkämpferin und Hochspringerin Camila Pirelli (Olympia Tokio 2021) kennen, wobei ihre Portugiesischkenntnisse unsere Konversation retten. Sie repräsentiert Paraguays obere Mittelschicht und ist erfolgreiche Landesrekordinhaberin. 2023 wurde sie von der BBC zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt neben Michelle Obama gewählt. Auf Kanälen wie Instagram ist sie mit stoffminimiertem Sprinterinnenoutfit sowie in TV-Werbung und auf den Stadtbussen omnipräsent – und jemand, den man in Paraguay als Normalo beiläufig beim Sporttraining trifft. Sie bittet mich, Hochsprungversuche im Training und im Wettkampf für die Analyse aufzuzeichnen.

Camila Pirelli – Siebenkämpferin und Paraguays Medien-Girl
Man kann sich beim Reisen auch gerne treiben lassen und mehr auf das Beobachten konzentrieren. Sich auf irgendeine Aktivität, sei es ein Hobby oder eine Hilfsaktion, einzulassen, kann aber auch sehr ergiebig sein. Um ehrlich zu sein, zu solchen interessanten Kontakten kommt es in Ländern, die wirtschaftlich noch nicht ganz unser »Niveau« erreicht haben, wohl deutlich leichter. Wobei die Vorteile, die unser »höheres wirtschaftliches Niveau« ausmachen sollen, durchaus noch mal zu hinterfragen wären.
Ankunft in der »Mars«-Kolonie
Es gibt Orte auf dieser Welt, die nicht von dieser zu sein scheinen. Filadelfia wirkt genauso auf uns. Ab Ankunft am Busterminal legt sich irgendeine unerklärliche Belastung auf unser Gemüt. Mit einem Wort: Unreal. Da kein Taxi zu finden ist, geht es zu Fuß vom Terminal de Ómnibus zum Hotel. Marsstaub auf den Straßen, Marsstaub in jeder Ritze. Wenige Fahrzeuge, die mehr kriechen und aussehen, als wenn sie sich mehrfach am Tag im Schlamm suhlen, kaum jemand, der zu Fuß geht. Stille. Keine Ansprechpartner. Keine Geschäftswelt, kein Treiben, eine atmosphärische Mischung aus Geisterstadt und Marsstation.

Straßenschild im Chaco

Ankunft in der Mennoniten-Kolonie
Endlich das Hotel gefunden. Erdgeschossig, zahlreiche Plastikwannen an Stellen, wo sie offensichtlich auf Wasser von oben warten. Ein nicht so hochtalentierter Hotelbetreiber, ein Sohn, der seine Eltern, die Hotelgründer, in die Lebenskrise treibt.
Treffen mit Marylin, der Tochter eines deutschstämmigen Farmers mit riesiger Estancia. Sie würde versuchen uns unter anderem zum Endpunkt einer vergessenen Eisenbahnlinie zu fahren. Mit Betonung auf »versuchen«. Wenn Glück und Wetter auf unserer Seite stehen.
Wir kaufen Proviant ein, ein Supermarkt »endlich« im gewohnten Ambiente, Leute, Stimmen, Leben und … keine Bierdosen im Regal. Selbst schuld, hätte man vorher selbst draufkommen können.
Der unmenschliche und harte Beginn der Auswanderer ab 1926 in diesem isolierten Landstrich, wo selbst das Wasserfinden eine größere Herausforderung war, hat die Kolonisten geprägt. Und Abschiede von Europa waren Abschiede für immer. Ohne Selfies für die zurückgebliebene Familie und Freunde. Die Gründe für die Auswanderung sind vielschichtig, oft auch regelrechte Verfolgung. Das »Rote Tor« an der Grenze nach Lettland war so ein Fluchtpunkt. Noch heute weist der Supermarktname »Chortitzer« in Loma Plata auf einen Stadtteil von Saporischschja in der Ukraine hin. Die Flüchtlinge wurden von Hindenburg nur gelitten, um sie schnell nach Paraguay weiter zu komplimentieren und deren einziges wirkliches Vermögen Überlebenswille und Gottglaube darstellte.
Ihre Leidensgeschichte und das, was ihr Wesen formte, ist in einem so kleinen Ort wie Filadelfia, in ungewöhnlich vielen Museen, gegenständlich geworden. Viele kleine Museen befinden sich gegenüber dem »Florida Hotel« in einem Park und sind thematisch unterteilt. Die Ausgestaltung wurde mit brennendem Herzen geschrieben. Man taucht in eine Welt ein, die unwillkürlich Beklemmung hervorruft. Für mich war es wichtig, die Botschaft dort so aufzunehmen, wie sie entstanden war. Seht, wie wir für unsere Nachkommen, aber auch für uns selbst bis zum Ende unserer Kräfte gekämpft haben.
Ich versuche, diese Dinge ohne Relativierung, ohne Besserwisserei, ohne Wertung zu verarbeiten durch jemanden, der nicht damals dabei war. Ich frage mich später, ob ich in Brasilien, welches ich nun wirklich sehr gut kenne, jemals Momente dieser Intensität erlebt habe. Auch auf unsere Cristina aus Belém wirkt dieser Eindruck sehr stark. Das »Fremdenverkehrsbüro« aus dem Internet entpuppt sich als eine Fiktion, welche eine der netten jungen Damen betreut, deren Aufgabe eigentlich die Beaufsichtigung der Museen ist. Was für ein Glücksfall, endlich mal wieder ein Fleckchen Erde ohne »All in« und »was können wir für Sie tun«-Allgegenwärtigkeit.

Koloniehaus als eines der Museen in Filadelfia
Wie sieht der Chaco aus? Dornstrauchsavanne, also Halbwüste. Sehr eben im Zentrum (Sedimentebenen), gelichteter Bewuchs, öfters Palmen auch über ganze Ebenen, dominant die Copernicia alba, eine für diese Region typische Palmenart. Der Chaco ist etwas feuchter im Westen, wird nach Osten (Río Paraguay) trockener. Die extreme Flachheit verhindert Entwässerung und begünstigt Schwemmland (temporär) sowie abflusslose Lagunen, die teilweise von Kaimanen bewohnt sind. Diese Lagunas sollen nach längerer Trockenheit wegen der weißen Randstreifen spektakulärer aussehen. Als wir da sind, hat es leider frisch geregnet. Der Reichtum an Sedimenten erklärt auch, warum sich mineralische, feinere Stäube bilden. Die, je nach der trocken/feuchten-Situation für Mars-Style sorgen können. Nur am Rande: Das Chaco ist, vereinfacht, die trockene, südwestliche Verlängerung des Pantanal aus Brasilien.
Das »Drama« des Kontrollverlustes der »Chaco-Deutschen«
In Paraguay gibt es drei Schwerpunkte der Einwanderung von Deutsch-Sprechenden. Im Süden bei Encarnación (Hohenau), östlich von Asunción um Villarrica. Und die Auswanderung, beziehungsweise die Flucht der Mennoniten in den Chaco im Norden Paraguays. Personen, die ursprünglich aus Gebieten in den Niederlanden und Norddeutschland stammten, kamen eher in Stoßwellen über Jahrzehnte. Der streng gelebte christliche Glaube führte immer wieder zu Konflikten mit einer eher säkular ausgerichteten gesellschaftlichen Umgebung. Das bewohnerarme Land Paraguay hatte jedoch größten Bedarf an Pionieren, die Bereitschaft zeigten, das unwirtliche Gebiet des Chaco urbar zu machen. Sie waren so willkommen, dass man die Siedler vom Militärdienst befreite.
Zum sozialen Verhältnis der Mennoniten zur Bevölkerungsmehrheit in Paraguay erzählt uns unsere Führerin Marylin aus eigenem Erleben folgendes: Besuch bei ihr auf der Estancia, ein Mennonitenknabe saß brav auf dem Stuhl, während zwecks Besuches auch ein junges Mädchen aus Asunción dabei war. Mit unbekümmerter »Icebreaker-Absicht« setzte sie sich, locker, lustig, nichtsahnend, auf den Schoß des Knaben. Dieser sprang jedoch schreiend und sie abwerfend in die Höhe, als hätte ihn eine Tarantel gestochen. Der Kultur-Differenz-Schock aus dem Nichts saß dann beiden in den Knochen.
Solange die Kolonisten in den ersten Jahrzehnten unter sich blieben, waren Identitätsprobleme kein großes Thema. Doch dann kamen die Anbindung an das restliche Paraguay und der wirtschaftliche Erfolg der bienenfleißigen Immigranten. Ich habe meine Joghurt-Lieblingsmarke in Asunción aus dem Regal gezogen und: die kam natürlich aus dem Chaco. Mit dem Erfolg haben die Siedler vermehrt Hacke und Schaufel zur Seite gelegt und Führen und Verwalten in größerem Umfang gelernt. Das geht nur, wenn man genügend Leute findet, die einem die Rüben aus dem Boden ziehen. Diese fand man. 300 Indio-Familien siedeln heute in Filadelfia. 100 Prozent ehemals Norddeutsche verringerten sich im Chaco auf heute nur noch 14 Prozent Anteil an der Bevölkerung. (Beispiel Filadelfia: 18.000 Einwohner davon 2.500 Mennoniten). Eine Diaspora, die bis heute die Siedler-Geschichte in unzähligen kleinen Museen nachdrücklich pflegt und einen starken Kontrast zu denen bildet, die wegen der Arbeit aus dem Rest-Paraguay hierhergezogen sind.
Jeder kann sich vorstellen was hier aufeinanderprallt. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein können. Das Thema interessiert mich. Mit mehreren Personen mit deutscher Einwanderungsgeschichte versuche ich im Chaco-Land mehr zu erfahren. Das Ergebnis geht gegen Null. Es wird offenbar nur unter denen diskutiert, die es direkt angeht. Die Dominanz der prägenden Gründer der Chaco-Kultivierung scheint bedroht. Deutsch als Muttersprache als Selbstverständlichkeit zu sehen, gerät in Gefahr. Ich gebe es schließlich auf, weiter zu bohren.
Eine Laguna und Frischfleisch für Jaguare
Warum erzählt uns unsere Führerin Marylin den Jaguar-Vorfall als wir auf dem Weg zur Laguna Salada sind? Ein balzendes Jaguar-Pärchen hat Besucher auf einen Hochsitz an der Laguna flüchten lassen, mit dem Kochtopf, den man an einer Feuerstelle nahe dem Hochsitz heiß gemacht hatte. Zumindest eine von beiden Großkatzen hatte einen guten Grund die Holzleiter zu erklimmen. Die heiße Suppe kam ihm auf halbem Wege entgegen. Die Besucher blieben hungrig, aber am Leben.
Die letzten Kilometer zur Laguna sollen wir wegen des Naturerlebnisses zu Fuß gehen. Auf meine Bedenken hin meint Marylin lakonisch, der Jaguar-Zwischenfall läge ja nun doch schon länger zurück und seitdem sei nichts mehr passiert. Da die Regenzeit wegen Überschwemmungen die Bedeutung der Laguna für die Wildtiere stark mindert (möglich zum Beispiel Flamingos, Coscoroba-Schwan, Ameisenbär, Tapir, Wildschwein, Ozelot, Pumas, Jaguar), sehen wir dort nur einige Vogelarten, allerdings Kaimane zweimal in Wassernähe unterwegs auf Anfahrten. Diese Untergruppe der Alligatoren legen gerne mal zweistellige Kilometer-Distanzen zwischen zwei Tümpeln zurück und können auch überraschend zugegen sein.

Indio-Trinkbaum
Als Entschädigung entdecken wir einen Indio-Trinkbaum (Samu’u). Ein unwissender Europäer würde neben diesem verdursten. Wir finden einige Liter Wasser in einer Innentasche an der Verzweigung vor. Auf die bekanntere Laguna Campo María müssen wir wegen unpassierbarer Piste verzichten.
Gleise fressen sich in die Quebracho-Wälder

Eulenpaar in einem Dachstuhl
Aufgegebene Zugverbindungen in besonderen Gegenden faszinieren mich. Die Sucht nach dem Ausgraben vergessener uralter Bahnverbindungen hat bei mir als Eisenbahner-Sohn fast schon pathologische Züge. In Paraguay finde ich wieder Futter! Eine Stichbahn (1920 bis 1996) im verlassenen Norden Paraguays weckt meine Neugierde. Warum gibt es die? Sie beginnt in Puerto Casado am Río Paraguay und endet in westlicher Richtung bei Kilometer 145 im Nichts. Die Suche beginnt. In alten Spezialkarten macht sie bei Kilometer 145 noch einen überraschenden Knick nach Nordwesten und endet bei Kilometer 160, in einer Richtung, die überhaupt keinen Sinn mehr macht, ohne jegliche sinnvolle Ziele in fast menschenleerem Gebiet.
Ich will jetzt wissen, warum. Eisenbahnschienen werden nicht aus einer Laune heraus verlegt. 1889 waren Hafen und Tannin-Gewinnungsanlagen vom Spanier Carlos Casado fertiggestellt worden. Der Ort am Río Paraguay hieß dann bald Puerto Casado. 1901 waren 13 Kilometer Schmalspurbahn (762 mm Spurweite) ins Landesinnere fertiggestellt und dienten zum Abtransport von Quebracho-Holz, vorrangig war die Gewinnung von Tannin vor Ort aus dem Holz, dieses diente Gerbereien. 1910 bis 1940 zählte die Tannin-Gewinnung der Carlos Casado Ltda. zu den größten der Welt.

Am Kilometer 145 – Gleise fressen sich in die Quebracho-Wälder
Da Nachhaltigkeit damals noch kein Thema war, wurde einfach alles abgeholzt was sich anbot, die Bahn fraß sich gierig nach Westen. Schinopsis balansae benötigt 200 Jahre um 40 Zentimeter Stammdurchmesser zu erreichen, ist steinhart und Termiten beißen sich in der Regel die Zähne aus. Kahlschlag dieses edlen Holzes ohne Reue? Ohne Wiederaufforstung. 1909 übernahm der Sohn José Casado das Geschäft. 1921 waren 60 Kilometer Gleise verlegt.
Jetzt ist ein Themawechsel vonnöten, denn ein zweiter Handlungsstrang kommt ins Spiel. Deutschstämmige Mennoniten aus Russland kamen ab 1875 nach Manitoba in Kanada, fühlten sich aber dort wegen ihrer Lebensweise stark unterdrückt und suchten lange vor 1926 ein neues Siedlungsgebiet. Ihnen schlossen sich ab 1931 unterdrückte Mennoniten gleicher Abstammung an, die noch in Russland verblieben waren. Der Norweger Fred Engen, Pazifist und Scout, begann ab 1919 den Chaco nach neuen Quebracho-Beständen abzusuchen, aber auch um eine neue Heimat für die unter Druck stehenden Mennoniten zu erkunden.
1921 laufen die Stränge der kommerziellen Bahnstrecke und die Zufahrt zum neuen Siedlungsgebiet langsam zusammen, denn in dem Jahr kam eine mennonitische Delegation ins Land, sprach mit der positiv eingestellten Regierung, begab sich zu Kilometer 60 der Casado-Bahn und forderte die Verlängerung der Bahnstrecke bis zum auserkorenen Siedlungsgebiet, der Empfehlung von Fred Engen beim heutigen Loma Plata. Die Quebracho-Bahn bekam eine zweite Bedeutung. José Casado sah eine neue Geschäftsgrundlage, aber eine Verlängerung zu versprechen, ist das Eine, aber diese auch zu bauen, das Andere.
Als die Übersiedlung der Kanada-Mennoniten 1926 begann, waren erst 77 Kilometer Gleise verlegt. Am Ende warteten Ochsenkarren und quälten sich über 157 Kilometer zehn Tage lang nach Loma Plata. Die Siedler beschwerten sich über die Plackerei. Ergebnis: Kilometer 145 war 1929 erreicht und bekam eine Bahnhofsstation (Estacion Fred Engen). Heinrich Troxler, Schweizer, trat in die Dienste José Casados ein und leitete die Station von 1930 bis 1957, er lebte dort mit Frau und Kindern. Sein Wirken ging deutlich über die Aufgaben eines Stationsvorstehers hinaus, denn er organisierte den Warenverkehr in beide Richtungen. Über diesen Bahnhof lief bis 1961 aller Verkehr zu den mennonitischen Kolonien, die Trans-Chaco-Piste als Anbindung an das Rest-Paraguay wurde erst 1961 fertiggestellt. Damit wurde allerdings das Ende der Bahnhofsstation, wenn auch langsam, eingeleitet. Eine einsame Bahnstation, die eine kurze Rolle im Niemandsland gespielt hatte, entschwand wieder aus dem Bewusstsein.
Zurück nach Russland von 1930, der Druck der Regierung auf die Mennoniten hatte sich enorm erhöht. Einige flohen Richtung Deutschland über das »Rote Tor«, dem Tor zur Freiheit an der lettischen Grenze. Andere über China. Nach langer Schiffsreise mit einmal Umsteigen zum Beispiel in Montevideo trafen sich alle Siedler in Puerto Casado am Río Paraguay, 1931/32. Inzwischen konnte die Casado-Bahn sie bis Kilometer 145 bringen (heute oft »Punta Riel«). Heinrich Troxler half, so gut es ging. Die 94 Kilometer Ochsenkarren bei höchstens 15 Kilometer pro Tag bis Fernheim (Filadelfia) konnte er ihnen nicht abnehmen. Dass die Mennoniten verschiedener Einwanderungsphasen immer in gewisser Distanz zueinander geblieben waren, ist durchaus die Regel.
Damit wäre die Geschichte eigentlich zu Ende. Doch nicht ganz. Wir suchen und finden den Kilometer 145 in den Weiten der Sediment-Ebenen des Chaco. Der Erhaltungsgrad der Bahnstation überrascht, ich vermute die Nähe der Mennonitenkolonien und ihr Interesse an der Geschichtserhaltung tragen dazu bei. Wir sehen ein kleines Stück restaurierter Bahnstrecke. Angebrachte Infotafeln zur Historie der Station. Die eigentlichen Bahnschienen der Casado-Strecke wurden sofort nach der Streckenstilllegung entweder abgebaut oder gestohlen.
Dann sehe ich immer wieder versteckte Hinweise, dass es eine Verlängerung auf 160 Kilometer gegeben haben soll. In eine nordwestliche Richtung, die erst mal absolut keinen Sinn zu machen schien. Neugierde erwacht.
Zunächst führt uns Marylin noch zu Ruinen (Fortín L. de Filippis) aus den Chaco-Krieg 1932 bis 1935 zwischen Bolivien und Paraguay. Warnung! Die eigene Suche ohne Führer nach Festungsresten im Dschungel führt unter Umständen zu einer ungewollt langen Besichtigungszeit! Gefahr des Verirrens im Gestrüpp mit zum Teil kaum noch erkennbaren Pfaden. Auf Schlangen achten! Eine kreuzt unseren Weg. Da gibt es ein Schild mit einer historischen Karte, die ich eher beiläufig fotografiere.
Wieder in Deutschland zurück, mache ich mich an das Studium der Fotos. Fortín L. de Filippis heißt auch Kilometer 180. Und die alte Karte zeigt die Verlängerung der Bahnlinie ab Kilometer 145, ab Troxlers Station. Und, ich falle fast vom Stuhl … die Bahnlinie zog sich weiter über den Punkt Kilometer 160, nennt Fortín L. de Filippis als weitere Station bei Kilometer 180, nicht aber um aufzuhören, sondern gen Westen weiter zu gehen. Was habe ich entdeckt? Eine geheime Geisterbahn, die niemand mehr kennt?
Es gibt eine einzige militärische Quelle, die von einer Verlängerung der Strecke ab Kilometer 160 bis Kilometer 180 spricht. Die wäre eindeutig nur für den Chaco-Krieg angelegt worden. Kein Nutzen für Siedler. Die Regierung zahlte Geld für die Bahnbenutzung, hätte wohl auch die Weiterverlängerung bis zum Fort bezahlt. Aber wurde sie je gebaut?
Praktisches Reisen in Paraguay
Zurzeit existiert mit Air Europa ab Madrid nur eine direkte Flugverbindung Europa – Asunción. Die Sicherheitslage ist deutlich besser als zum Beispiel in Brasilien. Die Grundstimmung eher ruhiger, gesitteter, familiärer. Wie überall in Südamerika kann die Sicherheitslage stark von Ort, Tageszeit und eigenem Auftreten abhängig sein.
Icebreaker in Paraguay für Taxi und anderswo: Man kennt Larissa Riquelme, die als Fan für Paraguay bei der Fußball-WM 2010 ins Rampenlicht geriet, als sie ihr Handy beim Torjubel in den Ausschnitt versenkte; oder Roque Santa Cruz, den ehemaligen Spieler von Bayern München.
Zu vermeiden oder zu beachten in Paraguay: Nordostecke, die Grenze zu Brasilien. Drogen, Militär, Schießereien. Interessant: die Iguaçu-Wasserfälle sind nur einige Busstunden von Asunción entfernt (Bus NASA Foz do Iguaçu – Asunción). Man könnte eine Reiseroute von Brasilien über Foz nach Paraguay und Argentinien legen. Hauptverkehrsmittel im Land ist der Bus.
Taxi-App Bolt in Asunción, Encarnación, Ciudad del Este, Caaguazú, Concepción, Coronel Oviedo, Villarrica. Konkurrent Uber nur in Asunción und ein wenig in Encarnación. Klassische Taxis wegen Bolt immer weniger. Bolt ist so günstig, dass ein Leihwagen in Städten kaum lohnt. Flughafen Asu zur Innenstadt 110.000 Guaraní, Taxi-Fixpreis 14 Euro, unbedingt einen bekannteren Namen in Zielnähe wissen! Hotels ziemlich günstig, Airbnb relativ häufig.
»Sensationelle Reiseziele« in Paraguay? Eher weniger. Man sollte schon genau wissen, warum man nach Paraguay reist. Encarnación für Baden am Flussufer mit ein wenig Beach Life. Asuncións gedämpftes Nachtleben: Paseo Carmelitas. Günstiges Einkaufen in Asunción von Rucksack über Lesebrille bis Kochtopf: Mercado 4. Viele Einkaufzentren haben Essbereiche. Unbedingt probieren: Lomito.
Filadelfia (Chaco): Museen und »Adinas Café« und »Helado Piri«. Wer dorthin reist, ist im »Hotel Florida« ein, zwei Tage nicht verkehrt, Supermarkt und Museen direkt gegenüber, dann eventuell günstigere Bleibe suchen. Von hier aus Exkursionen ins Chaco starten. Bei Reisen in den Chaco Regen- und Hitzejahreszeiten beachten!
Auch in den Übergangszeiten sind Ziele wie Lagunas und Kilometer 145 nicht sicher.
Reisebüros oder Touroperators sind nicht an jeder Straßenecke oder gar nicht zu finden. Unterlagen im Internet sind oft veraltet. Besser aktuelle Kontakte vor Reiseantritt knüpfen!
Geld: Besser mit ein paar Scheinen Landesgeld einreisen. Paraguay ist günstiges Reiseland. Bier und Lomito 5 Euro. Scheine von 2.000 bis 100.000 Guaraní (8.000 Guaraní entsprachen letztes Jahr etwa 1 Euro, inzwischen bekommt man nur noch 7.000). Sensationell: Bei einigen ATM’s in Banken gibt es sogar US-Dollar! Private Geldwechsel-Büros mit anständigen Kursen in Asu. In kleineren Orten allerdings eher »tote Hose«. Wenig Dollar- oder Euro-Annahmebereitschaft allgemein.
Dezember bis einschließlich Februar öfters über 40°C. Mai bis Oktober frischer uns somit angenehmer. Regenzeit von Oktober bis März, aber auch mit dicken Pausen dazwischen, keine drei Wochen Starkregen ohne Unterlass.
Wer kein Spanisch spricht, kommt irgendwie mit Portugiesisch durch oder nutzt eine Sprach-App. Hürde: Man kann sich zum Beispiel in Verkaufsstellen von Tigo eine SIM-Karte besorgen und registrieren lassen, wird dann aber bald allein gelassen und meistens klappts dann doch nicht sofort und dann muss man beten, dass ein Tigo-Berater mit Englisch-Kenntnissen zur Verfügung steht. Internationale SIM-Karten sind merkbar teurer.
Unterwegs-Sein
Gerhard kam schon recht früh zur dzg (Mitgliednummer 237). Elspe, Ludmilla, Pierre Brice, 68er. Durchquerung von Zaire 1976 im VW-Bus unter Mobutu von Bangui (Zentralafrika) aus nach Goma (mit Ruanda und Uganda unter Idi Amin) überschritt aus seiner heutigen Sicht eigentlich schon das, was man sich zumuten sollte.
Dann folgten 25 Jahre und 200.000 Kilometer Sahara. 1993 ließen »Freiheitskämpfer« mit dem überzeugenden Argument mehrerer Maschinengewehre seine Reisegruppe 70 Kilometer nördlich von Timbuktu in der heißen Märzsonne ohne ihre zwei Fahrzeuge zwischen den Dünen zurück.

Gerhard mit Xenia Hiebert – Sprintkönigin aus dem Chaco
Und jedes Mal, wenn er damals zwischendurch seine Eltern besuchte, lautete die Standardfrage der Mutter: »Junge, wann wirst Du mal wieder richtig arbeiten?« Sie meinte in seinen bürgerlichen erlernten Beruf zurückzukehren«. Gerhard lebt in der Nähe von Landshut in Niederbayern.
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